Frau tippt auf Notebook

Wer schreiben kann, schreibt nicht zwangsläufig auch gute Website-Texte. Digitale Medien haben ihre Eigenheiten; nur wer sie berücksichtigt, wird auch gelesen. Das Wichtigste: Der Leser muss Webseiten schnell überfliegen können – endlose Textwüsten sind deshalb tabu. Ausserdem müssen Texte für Websites besonders leicht verständlich sein.

Das Leseverhalten am Bildschirm

Wer Texte für eine Website schreibt, muss wissen, wie im Web gelesen wird. Die ernüchternde Erkenntnis von Jacob Nielsen («How Users Read on the Web») lautete schon 1997:

«People rarely read Web pages word by word; instead, they scan the page, picking out individual words and sentences.»

Website-Besucher lesen also nicht wirklich – sie überfliegen die Texte nur und lesen punktuell einzelne Wörter oder Sätze. Im Fachjargon heisst dieses Verhalten «Skimming»: Man versucht, in möglichst kurzer Zeit die wesentlichen Informationen eines Texts «abzuschöpfen», bevor man sich allenfalls die Mühe macht, ihn im Detail zu lesen. Ein verwandtes Verhalten ist das «Scanning»: Hier wird ein Text gezielt nach einer bestimmten Information durchforstet, und natürlich wird auch in diesem Fall nur diagonal gelesen.

Hat sich dieses Leseverhalten seit 1997 verändert? Keineswegs, wie man in der kürzlich erschienenen 2. Auflage von «How People Read Online: The Eyetracking Evidence» nachlesen kann. Drei grosse Eyetracking-Studien mit über 500 Testpersonen haben insgesamt nur bestätigt, was man schon lange wusste und was man auch vom eigenen Surf-Verhalten her kennt.

Als Autor von Web-Texten mag man dieses oberflächliche Lesen bedauern. Man darf allerdings nicht vergessen, dass angesichts der Informationsüberflutung im Internet das Skimmen und Scannen eine ausgesprochen sinnvolle Strategie darstellt. Ein guter Web-Texter sieht das Ganze deshalb als eine sportliche Herausforderung und bemüht sich, möglichst leicht konsumierbare Texte zu schreiben.

Texte für Websites: Struktur ist ebenso wichtig wie Inhalt

Die Chance, dass ein Leser aussteigt, nimmt im Verlauf eines Artikels generell zu. Deshalb ist es entscheidend, die wichtigsten Informationen möglichst früh an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Gute Web-Texte sind deshalb nach dem Prinzip der Inverted Pyramid aufgebaut: Das Wichtigste kommt zuerst, die Details folgen später.

Inverted Pyramid

Wer keine journalistische Ausbildung hinter sich hat, schreibt wahrscheinlich nicht nach diesem Prinzip. Schliesslich haben wir in der Schule gelernt, dass ein guter Aufsatz eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss hat. Wir möchten den Leser Schritt für Schritt an die wichtigsten Aussagen unseres Texts heranführen und nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen. Bei einem Essay in einer Wochenend-Beilage mag das funktionieren – in der Tagespresse hingegen wollen Leser möglichst schnell das Wichtigste erfahren, und im Web sowieso.

Zudem unterstützt ein guter Text den Leser dabei, eine Webseite zu überfliegen. Er muss optimal strukturiert und in überschaubare Informationseinheiten gegliedert werden, die visuell gut erkennbar sind. Dann kann der Leser bequem von Einheit zu Einheit springen und rasch die wichtigsten Informationen aufnehmen.

Was gute Website-Texte ausmacht

Folgende Elemente helfen, dass ein Text gut geskimmt bzw. gescannt werden kann:

Informative Überschriften: Ähnlich wie Zeitungsschlagzeilen müssen Überschriften von Website-Texten bereits die allerwichtigste Information transportieren. Denn bereits hier kann sich entscheiden, ob ein Leser sich die Mühe macht, den ganzen Text durchzusehen. Floskeln, Werbesprüche oder geheimnisvolle Andeutungen sind dabei wenig hilfreich.

Zusammenfassung im Lead: Auch der Lead ist ein Konzept aus den Printmedien. Bereits in den ersten zwei, drei Sätzen (die typischerweise fett gesetzt werden) stehen die essenziellen Aussagen eines Artikels. Der Lead ist also nicht etwa eine Einleitung, sondern eine Zusammenfassung; er führt nicht sanft an das Thema heran, sondern enthält den Kern der Sache.

Kurze Absätze: Jeder Absatzanfang bietet dem Leser die Möglichkeit, in den Text einzusteigen. Texte für Websites werden deshalb in kurze Absätze gegliedert, die visuell klar voneinander abgegrenzt sind. Als Faustregel gilt: pro Gedanke ein eigener Absatz. Oder in Zahlen ausgedrückt: Die optimale Länge für einen Absatz liegt bei drei bis fünf Sätzen.

Aussagekräftige Zwischentitel: Alle zwei, drei Absätze sollte zudem ein Zwischentitel stehen, der den Inhalt des nachfolgenden Texts vorwegnimmt. Der Leser kann so von Zwischentitel zu Zwischentitel springen und die für ihn relevanten Passagen finden.

Hervorhebungen: Auch wer Kernaussagen im Lauftext typografisch kennzeichnet, hilft dem Leser, einen Artikel zu überfliegen. Idealerweise arbeitet man mit der Schriftstärke (fette Schrift), allenfalls mit der Schriftfarbe. Nicht geeignet sind Kursivschrift (schlecht lesbar auf Bildschirmen) und Unterstreichungen (reserviert für Links).

Aufzählungen und Tabellen: Noch besser als kurze Absätze lassen sich Aufzählungen und Tabellen überfliegen. Natürlich eignet sich nicht jeder Text für eine derartige Aufbereitung; aber wo es passt, sollte man diese Möglichkeit unbedingt nutzen. Will man beispielsweise die Vorteile eines Angebots verdeutlichen, so ergibt jedes Argument einen Bulletpoint. Will man einen Ablauf beschreiben, dann bieten sich nummerierte Listen an. Und will man mehrere Produkte vergleichen, dann präsentiert eine Tabelle die Unterschiede und Gemeinsamkeiten wesentlich übersichtlicher als ein Lauftext.

Abbildungen: Fotos, Schemas, Diagramme und Infografiken sind nicht nur ein Blickfang, der einen Artikel auflockert und attraktiver erscheinen lässt. Gut gemacht können visuelle Elemente in kurzer Zeit viel Information vermitteln. Ein Säulendiagramm mit den Quartalsergebnissen zeigt innert Sekunden, wie sich die Geschäftsbereiche eines Unternehmens entwickeln. Und ein aussagekräftiges Bild mit einer ebensolchen Bildlegende kann – ähnlich wie der Lead oder die Zwischentitel – zentrale Aussagen eines Textes hervorheben.

Wie man leicht verständliche Texte schreibt

Nebst der Struktur trägt auch die Sprache viel dazu bei, dass ein Text schnell gelesen werden kann. Website-Texte sollen nicht möglichst kunstvoll, sondern optimal verständlich sein. Dies beginnt bereits bei der Wortwahl: Ideal sind geläufige, möglichst kurze Wörter. Weit schwerer zu verstehen sind dagegen Fachbegriffe, Fremdwörter, Abkürzungen oder Slang-Ausdrücke.

Auch der Satzbau ist wichtig: Einfache Hauptsätze sind zwar nicht sehr elegant, aber optimal verständlich. Nebensätze und Verschachtelungen dagegen machen einen Text anspruchsvoller und sollten deshalb sparsam eingesetzt werden.

Verständlichkeit hat noch viele weitere Aspekte. So erfasst der Leser aktive Formulierungen besser als passive Formulierungen: «Das Parlament beschloss eine Steuersenkung.» ist also eingängiger als «Die Steuersenkung wurde vom Parlament beschlossen.» – obwohl die Information letztlich dieselbe ist. Auch sind Verben verständlicher als Substantive und Vollverben verständlicher als Hilfsverben.

Positive Formulierungen erfasst der Leser schneller als negative, besonders tückisch sind doppelte Verneinungen. Vorsicht geboten ist zudem bei Wortspielen und Ironie – hier ist die eigentliche Botschaft unter Umständen so gut verpackt, dass sie bei gewissen Lesern gar nicht ankommt.

Viele Autoren greifen auf Redewendungen zurück. Diese sind dem Leser zwar in der Regel vertraut und somit leicht zu verstehen, sie tragen aber oft nichts zur Informationsvermittlung bei. Auch Adjektive sind oft verzichtbar: Sie machen Texte zwar blumiger, aber weder informativer noch verständlicher. Was der Leser hingegen schätzt, sind Beispiele und Vergleiche, welche abstrakte Informationen nachvollziehbar machen.

Die Verständlichkeit von Texten kann man bis zu einem gewissen Grad auch quantifizieren. So hat etwa Rudolf Flesch einen nach ihm benannten Index entwickelt, der die Lesbarkeit eines Textes auf einer Skala von 0 bis 100 angibt. Wer also möglich gut verständliche Texte schreiben will, sollte diese auch mit entsprechenden Tools überprüfen (beispielsweise auf leichtlesbar.ch).

Fazit

Website-Texte sind Gebrauchsartikel: Sie müssen nicht möglichst kreativ und elaboriert sein, sondern funktionieren. Wer für das Web schreibt, sollte sich deshalb nicht als Schriftsteller verstehen, sondern als Journalist: Das Ziel sind informative, gut konsumierbare Texte, welche die Sache möglichst schnell auf den Punkt bringen. Schreiben fürs Web ist keine künstlerische Tätigkeit, aber trotzdem eine Kunst: Etwas so einfach wie möglich zu sagen ist nämlich unglaublich schwierig.

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