Johannes Gutenberg

Im Dezember 2018 wurde mit WordPress 5.0 der neue Content Editor «Gutenberg» offiziell eingeführt. Die Begeisterung der WordPress-Community hielt sich in Grenzen. Die meisten WordPress-Benutzer zogen es vor, ihre Websites weiterhin mit dem bisherigen «Classic Editor» oder aber mit einem Pagebuilder zu bewirtschaften. Das ist nachvollziehbar, denn die ersten «Gutenberg»-Versionen waren sehr rudimentär, wenig benutzerfreundlich und inkompatibel mit diversen Plug-ins.

Wer allerdings glaubt, «Gutenberg» weiterhin ignorieren zu können, verkennt nicht nur das Potenzial, sondern auch die Bedeutung dieser Initiative, die mittelfristig weit mehr als nur den Content Editor verändern wird. Letztlich ist «Gutenberg» ein Projekt, das endlich so zentrale Dinge wie Workflows und Mehrsprachigkeit in WordPress implementieren soll. Dadurch wird sich WordPress in den nächsten Monaten und Jahren massiv verändern.

Warum WordPress so populär ist

WordPress ist mit Abstand das populärste Content-Management-System der Welt: Rund ein Drittel aller Websites laufen auf dieser Plattform. Diesen gigantischen Marktanteil verdankt WordPress vor allem drei Dingen:

  1. WordPress ist Open Source Software und – sofern man es auf dem eigenen Server betreibt – kostenlos. Damit spricht es sowohl Website-Betreiber mit beschränktem Budget als auch Anhänger von Freier Software an.
  2. WordPress ist ein modulares System, d.h. die Basisfunktionalität kann durch Plug-ins sehr einfach erweitert werden. Und das entsprechende Angebot ist riesig: Allein das offizielle Repository verzeichnet über 57’000 Plug-ins. Damit kann man WordPress für jede denkbare Anwendung anpassen und erweitern – oft kostenlos oder zumindest zu sehr bescheidenen Kosten.
  3. WordPress hat den Ruf, sehr benutzerfreundlich zu sein. Diese Aussage relativiert sich zwar, wenn man eine grössere Anzahl von Plug-ins installiert hat. Aber zumindest die grundlegende Pflege von Website-Inhalten ist tatsächlich sehr einfach – nicht zuletzt dank dem «Classic Editor», von dem wir hier sprechen.

Wo WordPress Lücken hat

WordPress ist zweifellos ein sehr flexibles und ausgesprochen kostengünstiges System. Gemessen an den Anforderungen an ein modernes Web CMS ist es in gewissen Punkten aber auch ziemlich minimalistisch ausgestattet. Deshalb muss man viele eigentlich selbstverständliche Dinge über Plug-ins nachrüsten.

Man kann dies als Vorteil sehen: So bleibt das Basissystem schlank, robust, übersichtlich und performant – und wer eine bestimmte Funktionalität braucht, hat die Wahl zwischen verschiedenen Lösungsansätzen. Wenn es allerdings um sehr grundlegende Funktionen geht, dann führt dieses Konzept zu einem sehr heterogenen Gesamtsystem mit vielen Doppelspurigkeiten und Inkompatibilitäten. Und letztlich ist es auch ein bisschen absurd, dass man bei jeder WordPress-Installation zuerst einmal ein, zwei Dutzend Plug-ins installieren muss, um überhaupt vernünftig arbeiten zu können.

Solche elementare Lücken gibt es bei WordPress unter anderem in folgenden Bereichen:

  • Mehrsprachigkeit: Man kann zwar mit WordPress Websites in fast jeder Sprache erstellen (vgl. «Deutschsprachige Websites mit WordPress: So funktioniert die Lokalisierung»). Aber man ist pro Website auf eine einzige Sprache beschränkt, weil WordPress schlicht keine Mehrsprachigkeit unterstützt. Zwar gibt es diverse Lösungen, um diese Funktionalität nachrüsten, aber sie funktionieren nach sehr unterschiedlichen Prinzipien und sind längst nicht mit allen Plug-ins kompatibel.
  • Medienverwaltung: Die Verwaltung von Bildern, Audiodateien, PDF-Dokumenten und anderen Medien ist in WordPress auf das Allernötigste beschränkt. So kann man diese Medien nicht mit Ordnern, Kategorien oder Schlagwörtern organisieren und verliert bei grösseren Websites schnell die Übersicht. Im Alltag sehr ärgerlich ist auch, dass Medien nicht umbenannt oder ersetzt werden können. Die Bearbeitung von Bildern direkt in WordPress ist ebenfalls nicht möglich – selbst für die Anpassung von Bildausschnitt, Helligkeit oder Farbbalance muss man einen externen Bildeditor bemühen.
  • Volltextsuche: WordPress bietet von Haus aus eine einfache Suche. Diese liefert zwar insgesamt sinnvolle Resultate, ist aber in keinster Weise konfigurierbar, und die Suchresultate lassen sich auch nicht weiter filtern oder sortieren. Bei kleineren Websites ist das kein Problem, bei grösseren stösst man aber schnell an Grenzen. Zudem erfasst die Suche längst nicht alle Inhalte, welche Plug-ins verwalten.
  • Workflows: Ein Artikel bzw. eine Seite in WordPress ist entweder ein Entwurf oder publiziert. Das ist dann auch schon die ganze Unterstützung, welche WordPress für den Publikationsprozess zu bieten hat. Eine geordnete Zusammenarbeit zwischen mehreren Personen und vordefinierte Freigabeprozesse lassen sich in WordPress nicht abbilden. Selbst wenn man als Einzelautor eine bereits publizierte Seite aktualisieren, aber die Änderungen noch nicht live schalten möchte, muss man sich mit Tricks behelfen.
  • Komplexe Seitenlayouts: Mit dem «Classic Editor» kann zwar Überschriften oder Aufzählungen erzeugen, ein Bild oder einen Link integrieren und natürlich auch Text fett oder kursiv setzen. Aber bei mehrspaltigen Layouts, Tabs, Akkordeons, Infoboxen, Tabellen oder ähnliche Elementen muss dieser Editor bereits passen. Dieses Manko hat in den letzten Jahren zur Entwicklung zahlreicher Page Builders wie z.B. Divi, Elementor oder Oxygen geführt.
  • Rechtesteuerung: WordPress unterscheidet immerhin zwischen Administratoren, Redakteuren, Autoren, Mitarbeitern und Abonnenten. Was diese fünf Rollen dürfen und was nicht, ist jedoch fix vorgegeben. Obwohl WordPress intern eigentlich eine flexible Berechtigungsarchitektur mit Roles und Capabilities besitzt, gibt es im Backend keine Rechteverwaltung.

Diese Liste mag genügen um zu zeigen, dass das heutige Basissystem (der sogenannte WordPress Core) wirklich nur das Allernötigste bereitstellt. Dass WordPress damit auf lange Sicht seine Marktführerschaft nicht wird halten können, ist offensichtlich. «Gutenberg» ist deshalb der Versuch, einige dieser elementaren Lücken zu schliessen.

«Gutenberg» ist mehr als ein Editor

Der neue Editor, der mit WordPress 5.0 eingeführt wurde, wird oft als «Gutenberg Editor» bezeichnet. Das ist nachvollziehbar, aber nicht ganz korrekt: «Gutenberg» ist der Name des Plug-ins, das den neuen Editor bereitstellt, und es ist auch der Name der ganzen Initiative, die WordPress grundlegend modernisieren soll. Der Editor selbst heisst eigentlich nur Block Editor (weil er Inhalte in Blöcken verwaltet, die man frei wählen und beliebig kombinieren kann).

WordPress Block Editor
Der «Gutenberg» Block Editor im Praxis-Test.

Dieser Block Editor ermöglicht es endlich, mit WordPress auch komplexe Seitenlayouts ad hoc zu erstellen – ohne Plug-ins, ohne kryptische Shortcodes, ohne überdimensionierte Page Builders. Zudem ist er ebenso modular wie das übrige WordPress: Weitere Blocks können sehr einfach hinzugefügt werden, wenn man sie braucht. Und in der nächsten Version, die mit WordPress 5.5 ausgeliefert werden soll, bietet der Block Editor sogar eine einfache Bildbearbeitung.

Insgesamt ist der Block Editor eine moderne, leistungsfähige und benutzerfreundliche Alternative zum bisherigen «Classic Editor» (den man bei Bedarf weiterhin nutzen kann). Dass er von der WordPress Community trotzdem nicht mit offenen Armen empfangen wurde, hat verschiedene Gründe. Erstens waren die ersten Versionen bezüglich Leistungsumfang und Benutzeroberfläche noch nicht sehr ausgereift. Zweitens gab es anfänglich diverse Inkompatibilitäten mit Plug-ins. Und drittens erfordert der Block Editor einen gewissen Lernaufwand und eine Anpassung der bisherigen Arbeitsabläufe. (Siehe dazu auch: «Der Gutenberg Editor ist da – und das sind Good News!»)

Inzwischen wurde der Block Editor wesentlich weiterentwickelt, die meisten Plug-ins sind angepasst, und immer mehr WordPress-Anwender erkennen das Potenzial des neuen Editors. Zwar ist absehbar, dass es in der WordPress-Welt eine längere Übergangsphase mit zwei unterschiedlichen Content Editors geben wird. Aber wer sich darauf einlasst, der findet im Block Editor ein zeitgemässes Werkzeug für das Content Management mit WordPress, das endlich auch echtes WYSIWYG bietet.

Aber wie gesagt: «Gutenberg» ist mehr als ein Editor. Genau genommen ist der Block Editor nur die erste von vier Phasen der «Gutenberg»-Projekts, wie man in der offiziellen Roadmap nachlesen kann. Was die nächsten drei Phasen bringen werden, ist derzeit erst sehr grob definiert:

  • In Phase 2 geht es darum, nicht nur die eigentlichen Seiteninhalte, sondern die gesamten Seiten in Form von Blöcken zu bearbeiten, also auch Menüs, Sidebars, Footers etc.
  • In Phase 3 sollen Mechanismen für die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Content Managers implementiert werden – also wohl das, was man als Workflow Management bezeichnet.
  • In Phase 4 soll die Mehrsprachigkeit im WordPress Core verankert werden.

Es sind grosse Ziele, die man sich mit dem «Gutenberg»-Projekt gesetzt hat. Aber sie zeugen davon, dass die WordPress-Entwickler erkannt haben, wo die Plattform derzeit fundamentale Lücken hat.

Wie geht es mit WordPress weiter?

Hinter WordPress steht einerseits eine riesige, sehr engagierte Community und andererseits Automattic, das Unternehmen von WordPress-Mitgründer Matt Mullenweg mit über 1’000 Mitarbeitenden. Insofern stehen die Chancen gut, dass die geplante (und dringend notwendige) Modernisierung von WordPress gelingt.

In der Phase 1 haben die Entwickler zudem bewiesen, dass sie grundlegende Neuerungen implementieren können, ohne dass bestehende Websites darunter leiden. Mehr noch: Wer den neuen Block Editor nicht nutzen wollte, musste dies auch nicht. Der «Classic Editor» steht als Plug-in weiterhin zur Verfügung und erfreut sich grosser Beliebtheit. Wenn auch die zukünftigen Phasen des «Gutenberg»-Projekts so reibungslos ablaufen, dann hat WordPress die besten Voraussetzungen, um bestehende Anwender zu halten und zugleich neue hinzuzugewinnen.

Trotzdem muss man sich auf bewegte Zeiten einstellen: WordPress wird sich in Zukunft schneller verändern als bisher, und wir werden immer wieder neue Konzepte lernen müssen. Gewisse Plug-ins, die wir heute routinemässig installieren, könnten überflüssig werden, dafür werden wir uns vermehrt auf die Suche nach geeigneten Blocks machen. Und viele ältere WordPress Websites werden früher oder später neu gebaut werden müssen, damit sie von den Neuerungen profitieren können.

Notebook-Computer mit der Website wordpress.org

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